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Die Wahrheit gibt´s nur für Frühaufsteher

  • Autor:  Burkhard Müller-Ullrich

presse panikEin bemerkenswert unbefangener Morgenkommentar zu den Themen Waffenhysterie in den Medien, der am 17.12.2012 kurz nach 7:00 Uhr im Kulturradio des RBB gesendet wurde, verursachte vor einiger Zeit anerkennende Worte bei den Waffenbesitzern, für die das Wort Social Network kein Fremdwort ist. Leider verschwand dieser Artikel nach einiger Zeit. Nun haben wir vom Autor des Kommentars, Burkhard Müller-Ullrich, die Erlaubnis bekommen, diesen hier zu veröffentlichen - dafür bedanken wir uns und wünschen ihm natürlich weiterhin einen so klaren Blick auf die Realität. Folgendes konnten die Radiohörer an diesem Morgen hören: 

"Daß ein verhaltensgestörter junger Mann seine Mutter umbringt und in der Schule ein Blutbad anrichtet, ist grauenhaft. Grauenhaft ist aber auch die Selbstbegeisterung unserer Journalisten darüber, daß sie mit ihrer Verachtung für amerikanische Sitten und Gebräuche mal wieder goldrichtig lagen. Schon das Wort Waffe ist ja in Deutschland zu einer Chiffre für moralische Verkommenheit geworden. Schlimm genug, daß die Bundeswehr noch Waffen hat, mit denen sie den Weltfrieden gefährdet. Insbesondere Schußwaffen. Allein in den letzten Wochen hat im Münsterland ein Vater seine beiden Kleinkinder, in Rheinland-Pfalz ein Familienvater seine Frau und seine Söhne, ein Geisteskranker in Berlin seine Frau und in Neuss ein Arbeitsloser eine Bedienstete des Jobcenters erstochen, aber ein Messerverbot wurde in der Presse deshalb nicht gefordert.

Da die Waffen-Obsession hierzulande in keinem Verhältnis zu den tatsächlichen Vorkommnissen steht, liegt es nahe, nach den wirklichen Gründen zu fragen. Wie bei der Ächtung von Glühbirnen und Menthol-Zigaretten handelt es sich offensichtlich um eine Form von Symbolpolitik, bei der man eine Nebensache umso verbissener bekämpft, je weniger man die Hauptsache in den Griff bekommt. Was ist bei der Untat eines psychisch Gestörten die Hauptsache? Es ist die Sinnlosigkeit des Zufälligen. Damit kommt die auf das Herbeischreiben von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen spezialisierte Journalistenzunft nicht zurecht.

Allenfalls wäre ein Kausalmechanismus zu erörtern, in den die Medien allerdings selbst involviert sind. Psychologen wissen, welches Gefahrenpotential im Drang zur Nachahmung steckt. Eine Kinokultur, die fast nur noch auf Massenmord beruht, ist für labile Seelen eine böse Versuchung. Auch die ganze Nachrichtengebung aus Newtown, die den gräßlichen Glanz der Weltberühmtheit vermittelt, gehört hierzu. Doch von solchen Effekten möchte man nichts wissen; wenn in den Vereinigten Staaten eine Schießerei stattfindet, dann brodelt der ‚Spiegel‘, und die ‚Süddeutsche‘ tremoliert: „Was muß noch passieren, damit Amerika endlich aufwacht und etwas gegen den Wahnsinn unternimmt?“

Der Wahnsinn, von dem hier die Rede ist, steht immerhin in der amerikanischen Verfassung und entspricht der Überzeugung der Mehrheit des amerikanischen Volks: daß nämlich die Möglichkeit bewaffneter Gegenwehr im Falle von bewaffneten Angriffen und Überfällen hilfreich sein kann. Das mag den Kommentatoren in Hamburg, München und Berlin und den Korrespondenten, die mal für fünf Jahre im Washingtoner Pressezentrum Dienst schieben, nicht recht einleuchten, weil sie keine Ahnung haben, was es bedeutet, in einem Land von fast zehn Millionen Quadratkilometern Fläche zu leben, das großenteils menschenleer ist. Wer dort auf seiner Ranch am Fuß der Rocky Mountains die Polizei ruft, der tut gut daran, sich vorläufig selber zu verteidigen. Dort braucht der Sheriff nämlich eine Stunde, um überhaupt zum Tatort zu gelangen.

Doch wesentlicher als solche praktischen Argumente ist der staatsbürgerliche Stolz in einem Land zu leben, das jeden Menschen für mündig hält, mit den Gefahren der Freiheit umzugehen. Die Schußwaffe im Holster ist das ultimative Vertrauenspfand zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft; und es wären nicht die USA, wenn dieses Grundvertrauen durch irgendeinen einzelnen Vorfall zerstört würde. Diese Denkungsart ist den europäischen Besserwissern mit ihrem ewigen Untertanengeist natürlich fremd und unerfindlich. Auch die Kriminalitätsstatistiken sind ihnen egal: In Vermont, wo jeder nicht vorbestrafte Erwachsene ohne Lizenz eine Handfeuerwaffe mit sich führen darf, geschehen die wenigsten Verbrechen; in Washington D.C. hingegen, wo fast jeder private Waffenbesitz verboten ist, die meisten. Macht aber alles nichts: Kommentare dienen bekanntlich nicht der sachlichen Erkenntnis, sondern der seelischen Entlastung."

Autor: Burkhard Müller-Ullrich

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Berlin