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Der Amoklauf von Belgorod

  • Autor:  Ernst Krenkel

patronenVor zwei Tagen kam es in der rußländischen 350.000-Einwohner-Stadt Belgorod zu einem Amoklauf (hier trifft dieser breitgetretene Begriff wohl wirklich zu), der auch in den deutschen Medien eine gewisse Beachtung gefunden hat.

Allerdings wurde er - wie üblich - nur in dem Kontext Waffenrecht gesehen, während die eigentliche Tat und ihre Hintergründe im Dunkeln blieben.

So war das MDR-Fernsehen am Montagabend ganz erstaunt darüber, daß es auch in Rußland, wo das Waffenrecht restriktiver als in den USA ist, zu einer derartigen Gewaltstraftat kommen konnte. Als würde es auf das Tatmittel ankommen.

Da der Täter jedoch nicht legal im Besitz seiner Tatwerkzeuge war, werden die hiesigen Hauptstrommedien wohl kaum weiter darüber berichten. Die Ereignisse von Belgorod eignen sich eben nicht als Futter für den Kampf der deutschen Medien gegen den legalen privaten Waffenbesitz in aller Welt.

Die Tat

Am Vormittag des 22. April hat der Täter den Tresor seines Vaters mit Gewalt aufgebrochen, um ein darin befindliches Jagdgewehr zu entwenden, das dem Vater legal gehörte. Daraufhin stahl der Täter auch das väterliche Auto, einen BMW, und fuhr in die Innenstadt zu einem Jagdgeschäft. Gegen 14 Uhr betrat er dieses, erschoß zwei Verkäufer und einen Kunden, und stahl zwei weitere Gewehre sowie Munition. Nach dem Verlassen des Ladens eröffnete er das Feuer auf Passanten, wobei drei weitere Menschen getötet wurden, darunter zwei Schülerinnen. Dann floh er mit dem bereitgestellten Fahrzeug.

Der Täter

Name: Sergej Pomasun. Alter: 31 Jahre. Er hat schon eine längere Karriere als Krimineller hinter sich. Im Jahre 2003 wurde er erstmals wegen eines Autodiebstahl zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. 2005 folgte die zweite Verurteilung wegen Autoklau, diesmal zu vier Jahren Haft. Kaum war er vorzeitig entlassen worden, stahl Pomasun wieder Kraftfahrzeuge und wurde 2008 erneut zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, die er dann auch absitzen mußte. Nach seiner Haftentlassung im vergangenen Jahr fiel Pomasun mit Gewalttätigkeiten innerhalb der Familie auf. Seine Eltern haben mehrmals die Polizei gerufen, weil er sie angegriffen hat. Seit Monaten bestehen Zweifel an der psychischen Gesundheit Pomasuns.

Allerdings ist nicht ersichtlich, weshalb Pomasun auf die schiefe Bahn geraten ist. Er stammt nach den bisher vorliegenden Informationen aus einem soliden Elternhaus, in dem sicher keine Armut herrscht. Die Mutter arbeitet als Verwaltungsbeamtin in der Bildungsbehörde von Belgorod, der Vater ist Geschäftsmann. Der Vater ist nicht nur selbst ein begeisterter Jäger, sondern ihm gehört auch das Jagdgeschäft, das sein Sohn am Montag überfallen hat. Berichten zufolge soll Pomasun junior einige Zeit vorher in dem Laden erschienen sein, um die Herausgabe von Waffen und Munition zu verlangen. Als die Angestellten seines Vaters dieser Forderung nicht nachkamen, soll er gedroht haben, wiederzukommen, um sie alle zu töten

Flucht, Fahndung und Festnahme

Die Fahndung nach dem flüchtigen Amokläufer hat zu einer der größten Polizeioperationen in der jüngeren Geschichte Rußlands geführt. Insgesamt waren über 2.000 Polizisten in Belgorod und benachbarten Regionen direkt an der Suche nach Pomasun beteiligt, zur Unterstützung wurden auch Spezialkräfte des Innenministeriums aus Moskau sowie Polizisten aus anderen Regionen herangeführt. (Die Beamten, die den Täter schließlich festnahmen, kamen aus Kursk.)

Der föderale Innenminister Wladimir Kolokolzew leitete die Operation persönlich. Es war eine Belohnung in Höhe vom umgerechnet 100.000 USD ausgesetzt wurden. Außerdem hatten die Behörden die Bevölkerung aufgefordert, möglichst ihre Wohnhäuser nicht zu verlassen. Auf Ausfallstraßen wurden Straßensperren errichtet und jedes Auto kontrolliert. Da sich Belgorod nahe der ukrainischen Grenze befindet und man eine Flucht Pomasuns ins Ausland befürchtete, wurden auch der rußländische Grenzschutz und die ukrainischen Sicherheitsbehörden eingeschaltet.

Doch in der vergangenen Nacht konnte der Täter gegen 23.00 Uhr im Stadtgebiet von Belgorod ergriffen werden. Eine Streife der Transportpolizei hatte auf dem Güterbahnhof einen verdächtigen Mann festgestellt, auf den die Beschreibung des Flüchtigen zutraf. Bei der Personenkontrolle gab Pomasun einen anderen Namen an und behauptete, keine Papiere mit sich zu führen. Als die Polizisten ihn vorläufig festnehmen wollten, widersetzte er sich dieser Maßnahme, zog ein Messer und stach mehrfach auf einen Beamten ein. Dieser mußte noch in der Nacht notoperiert werden. Doch seine Kollegen konnten Pomasun überwältigen und unverletzt festnehmen.

Nach der Festnahme

Bei ersten Befragungen gab Pomasun an, er habe sich in der Zeit vor seiner Festnahme in einem Sumpfgebiet (ein solches befindet sich in der Nähe des Güterbahnhofs) versteckt gehalten. Außerdem habe er am Montag auf der Straße nicht etwa auf Kinder, sondern "in die Hölle geschossen". Diese Aussage nährt Zweifel an seiner geistigen Gesundheit, weshalb er jetzt von Pychiatern untersucht wird. Pomasun wird sich, wenn es zu einer Anklage kommen sollte, vor Gericht u.a. wegen sechsfachen Mordes, Diebstahls von Waffen und Angriffs auf einen Vollzugsbeamten verantworten müssen. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe.

Drei Lehren aus den jüngsten Ereignissen von Belgorod

1. Einer Person, die eine Gewaltstraftat plant, wird es immer möglich sein, sich in den Besitz von Tatmitteln (Waffen und Munition) zu bringen. Da kann der Tresor noch so dick sein, zur Not wird eben einem Polizisten die Pistole aus dem Holster entwendet oder, wie in Belgorod, ein Dreifachmord begangen, um sich in den Besitz von Schußwaffen zu bringen. Deshalb sind alle Ansätze, die sich auf die Tatmittel konzentrieren, zum Scheitern verurteilt. Die Forderungen nach noch schärferen Waffengesetzen, die hierzulande regelmäßig vorgetragen werden, sind bestenfalls Placebos. Wer solchen Taten begegnen will, muß am Täter ansetzen, nicht an den zur Tatausführung benutzten Hilfsmitteln.

2. Die Polizeioperation hat gezeigt, daß die rußländische Polizei doch nicht so verrottet ist, wie ihre Kritiker gerne behaupten. Offensichtlich hat die überörtliche und überregionale Zusammenarbeit gut funktioniert und die eingesetzten Beamten haben sich professionell verhalten. Es kam zu keinen wilden Schießereien mit dem Flüchtigen und er konnte schließlich unverletzt in Gewahrsam genommen werden. Das alles ist in Anbetracht der Skandale, die während der letzten Jahre einige Polizeibehörden in Rußland erschüttert haben, eine gute Nachricht. Offenbar zeigt die ins Stocken geratene Polizeireform jetzt doch positive Ergebnisse.  

3. Es muß endlich auch in Deutschland eine ernsthafte Diskussion über die negative Rolle der Medien bei solchen Massenmorden geführt werden. In Rußland wurde sie von Wladimir Shirinowskij begonnen:

"[...]

Massenmorde werden nach seiner Ansicht immer weiter verübt werden, solange die Massenmedien detailliert darüber berichten. 
„Wir werden diese Art von Verbrechen niemals aufhalten könnten, weil es diese krankhafte Geltungssucht gibt – so aus dem Leben gehen, dass man wenigstens eine Woche lang über dich spricht, oder zwei oder drei“, sagte der Chef der Liberaldemokratischen Partei Russlands (LDPR) am Dienstag vor Journalisten. „Hier haben Sie Boston, hier haben Sie Belgorod.“

Er habe „schon immer gesagt, Schluss mit der Information“. Mit der Auflage der Zeitungen würden auch die Massenmorde vervielfältigt, so der Populist. „Sie schauen, dass die ganze Welt in Aufruhr ist und sie wollen bei diesem Prozess dabeisein“, führte Schirinowski aus.
Je mehr Information über blutige Verbrechen in allen Details an die Öffentlichkeit gelange, desto mehr derartige Fälle treten auf, so der LDPR-Chef.

[...]"

Der Einfluß, den die umfangreiche und detaillierte Berichterstattung über solche Taten auf - meist psychisch instabile - Nachahmungstäter hat, ist hinreichend bekannt. Wer es sonst im Leben zu nichts gebracht hat, bekommt wenigsten so noch ein paar Tage Ruhm. Aber die selbsternannte "vierte Gewalt" will sich bis jetzt auf keine Einschränkungen ihrer Macht, neue Amokläufe und damit neue dramatische Berichterstattung zu produzieren, einlassen.

 

Quelle: Tauroggen Blog  (Mit freundlicher Genehmigung des Autors Ernst Krenkel)

Berlin